Voller Terminkalender für Kinder – Der Weg in eine leblose Welt?

Montag Fußball, Dienstag Tennis, Mittwoch Klavier, Donnerstag Leichtathletik, Freitag Gitarre, Samstag Fußballspiel und Sonntag Familienausflug.

So oder so ähnlich kann in extremsten Fällen eine Woche für ein Kind aussehen. Völlig durchstrukturiert und möglichst viele Bereiche sollen abgedeckt sein. Ist eine solche klare Struktur für Kinder überhaupt sinnvoll? Ist das gesund für unsere Kinder? Zu was kann es führen?

Ich kenne viele Kinder, die einen ähnliches, wenn auch nicht ganz so extrem ausgelasteten Wochenplan haben.

Doch plötzlich beim Familienausflug streikt das Kind, es möchte nicht mitkommen. Am nächsten Tag möchte es nicht zum Fußball, lieber zu Hause spielen, oder ins Tennis. Was soll denn das jetzt? Zum Tennis am nächsten Tag will es auch nicht, aber die Eltern bezahlen doch dafür…

Hierbei handelt es sich meiner Meinung nach um eine logische Konsequenz. Ein Kind möchte nicht jeden Tag durchgeplant haben. Es möchte auch einmal etwas alleine spielen, oder etwas Eigenes erfinden, oder einfach nur die Welt erkunden.

So kann ein Kind seine Meinung innerhalb von Sekunden ändern, da es wieder etwas anderes sieht, was interessant ist. Muss es jedoch dann doch zum Tennis, Klavier und Fußball, dann wird es das zwar tun, aber nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil die Eltern ja bezahlt haben, und es ja auch so abgesprochen war.

Es entsteht hier ein erstes Konfliktpotenzial.

Ein weiteres kann noch folgen.  Die wöchentlichen Strapazen für die Kinder können dann, auch wenn es gerne zum Fußball, Klavier oder Tennis geht, unerträglich werden.

Ich möchte jetzt mal ein wenig aus Sicht des Kindes sprechen, und in es hineinversetzten, auch wenn es sicherlich nicht zu 100% gelingen kann.

So jetzt habe ich die ganze Woche Programm gehabt und jetzt möchte ich mal ein bisschen draußen herumlaufen und im Garten oder dem Spielplatz spielen. Aber was ist denn jetzt? Jetzt soll ich mit Mama und Papa einkaufen fahren? Och nee, ich war doch schon am Dienstag im Tennis, obwohl ich nicht wollte. Jetzt auch noch das? Ne jetzt weine ich lieber mal, damit ich vielleicht nicht mitgehen muss.

Jetzt weine ich hier und sage, dass ich nicht mitgehen möchte. Doch Mama sagt ich muss. Dann geh ich zu Papa, der sagt das auch. Mist, ich muss also wirklich mit, dafür geh ich aber dann morgen nicht zum Fußball, da wollte ich ja letzte Woche auch schon nicht.

Am nächsten Tag das Gleiche. Ich soll zum Fußball, will aber lieber an den Bach und ein paar Steine flippern oder ein Staudamm bauen, das haben wir letzte Woche im Hort gemacht, das war cool. Ich darf aber nicht, ich soll zum Fußball.

Treu dem Motto: Ich soll wenn ich muss, darf aber nicht, wenn ich will, dann will ich aber auch nicht wenn ich soll.

Es wird also hier deutlich, die Kinder funktionieren nicht immer so wie sie sollen. Es ist aber auch logisch, selbst Erwachsene wollen sich nicht hin und her schubsen lassen. Niemand darf dann verlangen, dass das Kind dann auch Knopfdruck Spaß hat. Das wird aber jetzt verlangt, der Trainer oder Lehrer verlangt es in der Schule, wie beim Fußball, Tennis oder Klavier und am Wochenende soll ich auch noch Spaß mit Mama und Papa haben.

Irgendwann muss sich das entladen, wenn dann nicht auf das Kind eingegangen wird, kann es explodieren. Das sind dann „Problemfälle“ und wird oft als ADHS diagnostiziert. Das wird dann mit Medikamenten behandelt und ruhig gestellt.

Die Variante des Explodierens ist eigentlich noch gesünder, wenn sie nicht mit Psychopharmaka behandelt wird.

Es gibt aber noch eine weitere Variante. Es ist die Verdrängung.

Die Gefühle der Enttäuschung evtl. sogar des Hassens werden dabei nicht ausgelebt. Sie werden unterdrückt, ähnlich wie ich es in Zusammenhang mit der autoritären Kleinfamilie erwähnt habe: http://zukunftsvision.own-blog.com/autoritare-kleinfamilien-nahrboden-fur-faschismus/#more-152

Es kommt dann zur Verspannung der an der Unterdrückung beteiligten Muskulatur. Geschieht das öfter, kann es chronisch werden und die Verspannung führt zur Leblosigkeit in diesem Bereich.

Doch die Folgen gehen auch noch viel weiter.

Die Kinder gewöhnen sich an die tägliche Belastung, die täglich vorgegebenen Programme. Sie werden von außen in einen klar definierten Wochenplan gedrängt.

Das kann zur Folge haben, dass die Kinder nicht mehr in der Lage sind ihr eigentlich lebendiges und ausgeprägtes Interesse an der Entdeckung neuer Dinge auszuleben.

Es führt dann dazu, dass die Kinder immer mehr auf die äußere „Beschallung“ angewiesen sind. Sie haben nie gelernt, sich selbst zu beschäftigen. Das führt weiter dazu, dass sie einen „Druck“ brauchen, damit sie etwas leisten. Sie lernen nicht, sich selbst zu entdecken und sich für etwas einzusetzen, was sie interessiert.

Sie haben ja schon immer einen Plan gehabt, der für sie die Überlegung „was tue ich jetzt?“ geregelt hat.

Hierbei sehe ich auch einer der Gründe, warum die Kinder so gerne vor dem Fernseher sitzen. Sie müssen nicht überlegen, was sie tun sollen, der Fernseher gibt ihnen das vor. Noch dazu brauchen die Kinder ja die permanente Beschallung von außen, Selbstbeschäftigung ist verlernt.

Doch nicht nur das Fernsehen, sondern auch die scheinbar unerschöpfliche Konsumsucht (Spielgeräte, Handys, Spielzeug, etc…) wird meiner Meinung nach dadurch gefördert. Die Beschallung von Außen muss ja weiter bestehen bleiben. So hat es das Kind von kleinauf gelernt.

Diese Entwicklung ist für mich sehr gefährlich.

Es wird jetzt auch klar, warum die Kinder mehr „gefordert“ werden müssen. Wir müssen ja Druck anwenden, damit das Kind lernt.

Somit baut unser ganzes Schulsystem, aber auch die Gesellschaft auf dieser Säule auf, dass Menschen nur unter Druck arbeiten (Benotung, Bestrafung, Geldnot, Zeitdruck… etc.). Die Menschen verlieren die Selbstständigkeit.

Es ist jedoch für mich der ganz falsche Ansatz. Sie sind vor allem in jungem Alter derart lebendig, dass sie niemanden brauchen, der ihnen etwas beibringt. Das Interesse ist unerschöpflich, sie haben ja noch wenig von der Welt gesehen.

Mit einem festen Wochenplan wird dieses Interesse eingeschränkt, das Lebendige wird unterdrückt.

Meiner Meinung nach sollte das zurückgefahren werden, ich kann nur sagen: Lasst die Kinder einfach nur in Ruhe spielen. Kein Kind wird dadurch dümmer. Die Entwicklung wird sicherlich große Unterschiede aufweisen, aber es sind ja auch unterschiedliche Persönlichkeiten.

Dann jedoch kann das Kind lernen nicht angewiesen zu sein auf äußerliche Beschallung, sondern wird aus echtem Interesse handeln und lernen.

Zum Abschluss bleibt noch zu erwähnen, dass es sicher nicht der einzige Grund für Probleme innerhalb der Familie und Gesellschaft ist. Natürlich sind auch die Beispiele nicht repräsentativ für alle Kinder, aber ich denke und meine Erfahrungen zeigen, dass es durchaus öfter so oder so ähnlich ist.

Lernt von den Kindern, die wissen am Meisten.

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